Deafmax, ich kann nicht erkennen, dass in der Frage eine Polarisierung steckt. Meines Erachtens stellt sie eine durchaus logische Konsequenz der Debatte um die PR-Aktion in England dar. Es geht mir ja nicht um die Frage, ob man mit Taubheit leben kann - das weiß ich selbst, dass man das kann. Es geht mir um die Frage, ob es erstrebenswert ist, taub zu sein; ob es besser ist, taub zu sein als hörend, ob es - vielleicht - sinnvoll ist, diesen Zustand bewusst herbei zu führen. Und wenn ja, warum?
Hartmut, zwei Dinge vorweg. Zunächst lasse ich mir von Dir nicht sagen, was ich zu tun und zu lassen habe. So kannst Du vielleicht mit Mitgliedern der Gehörlosengemeinschaft umspringen, aber nicht mit mir. Dann: Vielleicht findest Du ja mal Zeit und Muße zwischen Deinen Haßtiraden auf die "böse audistische hörende Welt" darüber nach zu denken, ob die Polarisierung die Du damit betreibst wirklich ein solch "großartiger" Dienst an der Gehörlosengemeinschaft ist, wie Du es - vermutlich! - meinst.
Ich will nun versuchen sachlich auf einige Aspekte einzugehen, die zwischen all Deinen Beleidungen und Beschimpfungen in Deinem Artikel noch zu erkennen sind. Viel ist es nicht, aber es werden doch einige Dinge klarer und deutlicher. Nicht weiter bemühen will ich mich darum, Deine Verdrehungen meiner Aussagen zum X-ten Mal versuchen klar zu stellen. Ich bin kein Wiederkäuer und habe meine Ansichten mehrfach versucht klar und unmißverständlich darzustellen. Was Du in Deinem ideologisch geprägten intellektuellen Reißwolf daraus machst, spottet jeder Beschreibung. Nur so viel: Nicht mal die Hälfte von dem was Du mir unterstellst entspricht der Wahrheit. Kleines Beispiel: Die Frage nach der Natürlichkeit von Taubheit in Beziehung zu Pickeln, AIDS und anderen Dingen. Meine Argumentation hierzu hast Du immer noch nicht verstanden und verdrehst stattdessen meine Aussagen, wohl in der wohlfeilen Hoffnung, damit punkten zu können. Aber das tangiert mich nur sehr peripher - auf gut Deutsch: Das geht mir haarscharf sonst wo vorbei.
Du behauptest: "
Deine Frage, wie weit wir gehen würden, eine kritische Masse für den Erhalt und der Pflege der GS zu erzeugen, kannst du selbst beantworten. Es ist offensichtlich." Tut mir Leid, für mich ist es nicht offensichtlich. Vielleicht kannst Du doch konkreter werden! Danke im Voraus!
Du behauptest: "
Akzeptanz und Beherzigung von "Taub zu sein ist OK und sogar gut."" Das wäre eine nähere Ausführung wert, die ich eigentlich erhofft hatte, die nur leider - abgesehen von vielen Tiraden und viel Phrasendrescherei - bislang nicht erfolgt ist. Dass Taubheit "okay" ist ... okay! Aber gut? Ist nicht der kleinste gemeinsame Nenner, dass Taubheit bedeutet, nicht hören zu können - egal, was man noch alles drunter versteht? Warum soll Etwas-Nicht-Können nicht nur okay, sondern gut sein? Würde jemand sagen: "Ich kann kein Spanisch!" - wäre das okay, schade, aber meist kein wirkliches Problem! Würde aber jemand sagen: "Ich kann kein Spanisch - und das ist gut so!" ... würde sich da nicht jeder verwundert den Kopf kratzen? Man kann nun "Spanisch" durch allerlei ersetzen - auch durch hören: "Ich kann nicht hören!" - okay, dann muss man andere Wege gehen und kann auch Glücklich werden - kein Problem, bzw. nichts, was sich nicht lösen ließe! Wenn nun jemand sagt: "Ich kann nicht hören und das ist gut so!" ... hmm, okay ... akzeptiert! Verstehen kann und will ich das nicht, einfach weil ich lieber etwas kann als etwas nicht zu können, sei es nun Spanisch, Uruk oder Hören! Aber ein jeder soll nach seiner Fascon seelig werden. Die entscheidene Frage ist nun aber: Wie weit ist man gewillt mit dieser Ansicht zu gehen? Hört sie bei der eigenen Befindlichkeit auf?
Deine Aussage: "
Pnin beschäftigt sich mit der Frage "Ist Taubheit erstrebenswert?" und beteiligt sich aktiv im GL-Cafe. Zum letzteren, ohne Taubheit wärest du bestimmt nie über die "Taubstummenfrage" gestolpert." entbehrt nicht eines gewissen Zynismus. Ich habe es mir nicht ausgesucht zu ertauben, denn allein darin liegt der Grund für die Beschäftigung mit diesen Fragen. Das diese Zäsur für post-lingual ertaubte Menschen immer ein Problem war, ist und bleiben wird, wirst Du vermutlich nie begreifen. Ich finde es in diesem Zusammenhang schon interessant, dass hier immer Respekt gegenüber Gehörlosen eingefordert wird, Spätertaubte aber meist ziemlich respektlos behandelt werden.
Deine Verwendung des Wortes taub demonstriert die leider auch schon übliche dialektische Verschwurbelungstaktik der "Audismus-Theoretiker". Zur Erinnerung: Ich hatte in meinem Eingangsposting von Taubheit gesprochen. Ein Begriff der üblicherweise in Abgrenzung zur Gehörlosigkeit verwendet wird: Taubheit beschränkt sich auf den rein medizinischen Aspekt des Nicht-Hören-Könnens, während Gehörlosigkeit auch den kulturell-soziologischen Aspekt der Gehörlosengemeinschaft umfasst. Anders ausgedrückt: Gehörlose und Spätertaubte "haben Taubheit" gemeinsam - schlechtes Deutsch, aber egal! In dieser Hinsicht sind sie gleich. Nur sind sie anders aufgewachsen, sozialisiert: Gehörlose in der Gl-Gemeinschaft, Spätis in der hörenden Welt. Ich habe diesen Aspekt auch versucht explizit deutlich zu machen im dritten Abschnitt meines Eingangspostings.
Hartmut verdreht nun diesen Begriff, erweitert ihn (Stichwort "Taubseins-Kultur" etc. pp.) und kommt dann - ganz klar - zu anderen Schlussfolgerungen. Die haben aber nichts mehr mit meiner Eingangsfrage zu tun. Kann man machen - redlich ist das nicht! Hinzu kommt, dass ich diese Begriffserweiterung als Späti als diskriminierend empfinde. Spätis sind auch taub - nur nicht in dem Sinne, wie Hartmut das versteht. Hier wäre ein Dialog nötig - allein er ist nicht möglich, weil Leute wir Hartmut sich für Spätis nicht interessieren.
Zum Thema, ob Hartmuts These "
GS kann echt nur von 100% visual-orientierten, also tauben Menschen entwickelt und gepflegt werden" Rassismus sei. Meinen Haupteinwand, die Verknüpfung eines biologischen Merkmals mit einer intelektuellen Fähigkeit hat er leider nicht entkräftet. Er ist nicht einmal, trotz der Tirade, darauf eingegangen. Es ist aber meines Erachtens vielleicht auch sekundär, weil Hartmuts gesamte Argumentation eine Richtung hat, die ich persönlich als Ganzes ablehne. Diese lässt sich am besten mit folgendem Zitat darlegen, wird aber auch in den übrigen Aussagen seines Postings deutlich:
Zitat:
... erweitertes Verständnis über kulturelle Werte von Individualismus und Kollektivismus, über Betonung auf "wir" statt auf "ich", auf Gruppe statt auf Individuum
Mit anderen Worten - überspitzt, um das Problem zu verdeutlichen - die Gruppe ist alles, das Individuum nichts! Tut mir Leid, dem kann, will und werde ich nicht folgen! Für mich ist eine der Konsequenzen, die aus den Verbrechen des Nationalsozialismus und anderer totalitärer Regime im 20ten Jahrhundert zu ziehen ist, dass eine Ethik, eine (philosophische) Anthropologie das Individuum in den Mittelpunkt zu stellen hat. Für die Nationalsozialisten war der Einzelne unbedeutend - das Volk war alles. Für die Stalinisten war der Einzelne unbedeutend - die Partei oder die Bewegung war alles. Jegliche Ideologie, die mit ähnlichen Prämissen arbeitet, jagt mir Schauer über den Rücken. Und bevor jetzt Geschrei einsetzt: Nein, nur weil ich das Individuum in den Mittelpunkt meiner Überlegungen stelle, heißt das nicht, dass ich einem hemmungslosen Egoismus das Wort rede. Denn mein Recht auf Individualität hat Grenzen, die dort anfangen, wo die Indivdualität des anderen beginnt - sehr frei nach Weischedel.
Sein Schlusswort - "
Die Taubheit ist unendlich viel mehr als nur die Hörunfähigkeit. Das heraus zu finden ist eine Herausforderung an die Humanität." lohnt es konsequent zu Ende zu denken:
Was ist da noch anderes als "
die Hörunfähigkeit"?
Gehörlosenkultur! Okay!
Nur: Leute wie Karin Kestner, wie tausende CODAs können das ja gar nicht richtig beurteilen, was das ist, weil sie hören ja und - laut Hartmut - können nur (medizinisch) gehörlose Menschen auch soziologisch-taube Menschen sein. Nur sie können die Gebärdensprache beherrschen, pflegen und weiter geben, nur sie erschließt sich die gesamte Gl-Kultur!
Wir werden nun aber aufgefordert herauszufinden, was das sei!
Wie soll das gehen?
Irgendwie nicht ganz logisch!
Pnin